Claudio Bandelli – Prima di dormire

Es gibt Worte, die einer anderen Sprache nicht vorenthalten werden sollen. Worte, die schön sind: weil sie ausdrücken, was wir fühlen; weil sie klingen, als wären Sie Musik; weil sie da sind um ihrer selbst willen.

Nicola Pecci liest und interpretiert
Claudio Bandelli „Prima di dormire“

Vor dem Einschlafen

Die Konsequenzen von Sentimentalität können teuflisch sein. Man sollte die Augenblicke belassen, wie man sie erlebt hat, nie versuchen, sie zu wiederholen, noch einmal zu durchleben …
(Heinrich Böll)

Vor dem Einschlafen widerfährt es mir oft, dass ich mir diese Frage stelle: Denkt sie immer noch an mich? Die Antwort kenne ich nicht, aber ich nehme es schon an. Ich denke gerne daran, dass, auch wenn sie alles tut, um mich zu vergessen, sie ein Gegenstand, ein Satz, ein Geruch ganz plötzlich zu mir zurückbringt, ein kurzer Moment, ein flüchtiger Blick, ohne zu fokussieren, ohne es genau zu verstehen. Und dann denke ich: Wen kümmert es schon!

Im Grunde ist es total egal, ob sie an mich denkt oder nicht. Was zählt ist, dass sie nicht hier ist. Also lasse ich es gut sein und denke an das, was ich den ganzen Tag über gemacht habe und was ich morgen machen muss. Ich denke daran, wie viel häufiger ich hätte lächeln können, wie vielen Menschen ich in die Augen gesehen habe, wie viele ich umarmt habe. Ich weiß sicher, dass ein Tag, an dem man wenig lächelt, sich nicht ansieht und sich nicht umarmt, ein verlorener Tag ist.

Ich lächle, denn das sind nicht meine Gedanken, auch wenn ich sie zu meinen gemacht habe, sondern die eines großen Freundes. Er ist nach Timpala gegangen. Er hieß Froes und ich habe ihn seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen oder gehört. Froes liebte die Menschen. Er mochte es, ihnen zuzuhören, sie zu berühren. Und wenn ich ihn nicht schon kennengelernt hätte als wir noch Lausbuben waren, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Und vielleicht war er wirklich verrückt. Er hatte einen Haufen seltsame Vorstellungen über das Leben.

Er sagte immer, dass er sich die Haare bis zu den Schultern und einen dichten Bart wachsen lassen würde. Wenn ich an ihn denke, stelle ich ihn mir genau so vor. Was für ein Typ, dieser Froes! Morgen könnte ich ihm mal eine schöne Mail schreiben und ihn darum bitten, mir ein Foto zu schicken. Ich bin neugierig, aber jetzt ist es viel zu spät, ich muss schlafen gehen. Ein letzer Gedanke: Denkt sie immer noch an mich?

Prima di dormire

Tanto diaboliche possono essere le conseguenze del sentimentalismo. Gli attimi bisognerebbe lasciarli così come si sono vissuti, mai tentare di ripeterli, di riviverli …
(Heinrich Boll)

Spesso, prima di dormire, mi capita di farmi questa domanda; a me, lei, ci pensa ancora? La risposta non la conosco ma suppongo di sì. Mi piace pensare che anche se fa di tutto per dimenticarmi, all’improvviso, un oggetto, una frase, un odore la riporta verso di me, un breve attimo, uno sguardo di sfuggita senza riuscire a mettere a fuoco, senza capire bene. Poi però penso; chi se ne frega!

In fondo che mi pensi o no è del tutto inutile, quel che conta è che non è qui. E allora distolgo il pensiero e ripenso a quel che ho fatto durante la giornata e a cosa dovrò fare domani. Ripenso a quanti sorrisi, se ne potevo aver fatti di più, a quante persone ho guardato negli occhi, a quante ne ho abbracciate. So per certo che una giornata senza molti sorrisi, sguardi e abbracci è una giornata buttata.

Sorrido perché questo non è un mio pensiero, anche se poi l’ho fatto mio, ma di un mio grande amico che se ne è andato a vivere a Timpala. Si chiamava Froes ed è da almeno quindici anni che non lo vedo e non lo sento. Froes amava le persone, gli piaceva starle ad ascoltare, toccarle, se non l’avessi conosciuto da quando eravamo due palle di ciccia l’avrei considerato un pazzo. E forse pazzo lo era davvero, aveva un sacco di idee strane sullo stare al mondo.

Diceva sempre che si sarebbe fatto crescere i capelli fino alle spalle e una folta barba. Se ci penso me lo immagino così. Che forza quel Froes! Domani quasi quasi gli scrivo una bella mail e gli chiedo di mandarmi una foto, son curioso, ma adesso è troppo tardi devo andare a dormire. Un ultimo pensiero; a me, lei, ci pensa ancora?

Übersetzung: Vanessa Wanhoff


Über Claudio 
Vielseitiger Künstler, Regisseur und Drehbuchautor zahlreicher Kurzfilme,
TV-Serien und Theateraufführungen.

Über das Buch
Einundzwanzig kurze Erzählungen. Wie Schnappschüsse, die das Leben fotografieren. Ironie und Paradox folgen gewählt aufeinander und schaffen Überraschungsmomente. Man sagt über das Leben, dass es immer fließt, über die Menschen, dass sie sich miteinander verändern. Die Botschaft ist klar: in der Zeit, die vergeht, ist Platz für jeden, und vor allem für das Gute und das Schlechte, Seiten derselben Medaille.


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