Pantelleria – Die Tochter des Windes

Das ist eine unschuldige Insel. Du verstehst das, wenn du den Passito trinkst oder die Kapern probierst.
Die Süße und das Salz einer kostbaren Erde unter der Sonne 
und die letzten Götter,
die es hier immer noch gibt, auch wenn niemand weiß, wo sie sind.
– Franco Arminio –

Das Abenteuer Pantelleria beginnt für mich zu Hause in Deutschland mit einem Anruf bei Nonna Costanza, die uns für unseren Aufenthalt ein Bleibe zur Verfügung stellen wird. Einfach, aber mit allem was man so braucht, so die Freundin eines Freundes, die diesen Kontakt hergestellt und mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, dieses 81 km2 kleine Eiland zu besuchen.

Ich wähle also die Festnetznummer einer mir unbekannten älteren Dame, sehe vor mir ein kleines Fleckchen Erde im großen blauen Meer und bin gespannt was passiert. Natürlich sei sie im Bilde über unseren Besuch, kenne unsere Flugzeiten und sogar der Fiat Panda sei schon reserviert. Bestimmt erkenne uns ihre Tochter auch gleich, wenn sie uns am Flughafen abholt. Ja, das Klischee der Tedesca erfülle ich. Wir plaudern noch eine ganze Weile und der Urlaub rückt gedanklich näher. Ach, und seit sich die Anzahl der Menschen auf der Insel seit Ende August wieder halbiert habe herrsche hier ein Frieden … Seit Langem habe ich nicht mehr so analog und unkompliziert Urlaub gebucht!

Der klangvolle Name Pantelleria kommt aus dem Arabischen (Bent-el Rhia) und bedeutet Tochter des Windes. In der Tat ist die Luft über der Insel stetig in Bewegung, je nach Jahreszeit mal stärker und mal schwächer. Niederschläge sind selten. Natur und Mensch haben sich auf beachtliche Art und Weise der Trockenheit angepasst. Die Insel selbst ist vulkanischen Ursprungs. Lavaströme formten einst die charakteristisch schroffe Küstenlandschaft mit ihren atemberaubenden Buchten und Klippen. Sandstrände sucht man hier vergebens. Und zum Glück auch den Massentourismus. Pantellerias Charme erschließt sich dem Besucher durch die wilde Schönheit ihrer Natur und eine gar selbstverständlich wirkende Langsamkeit, die der Seele Ruhe gibt.

Als Besucher spürt man schnell, dass den Panteschi, wie die Bewohner Pantellerias genannt werden, eine gewisse Gelassenheit mit in die Wiege gelegt wurde, sind sie doch stark von den Launen der Natur abhängig und können ihr Schicksal oft nicht selbst lenken. Bei widrigen klimatischen Bedingungen ist die kleine Insel mit ihren 7500 Einwohnern 100 km südwestlich von Sizilien und 60 km östlich von der tunesischen Halbinsel Kap Bon von der Außenwelt abgeschnitten.

Man darf einfach nicht darüber nachdenken, dass oft nicht einmal ein Rettungshubschrauber die Insel erreichen kann, so Nonna Costanza. Vor allem für die Älteren ist das Leben hier nicht immer einfach. Das Krankenhaus deckt mit ein paar wenigen Betten und einem Labor gerade einmal die Notversorgung ab. Ein Facharztbesuch ist meist mit einer Reise zu Schiff oder mit dem Flugzeug auf die „große“ Insel verbunden. Erst vor Kurzem konnten nach händeringender Suche neue Kinderärzte für Pantelleria gefunden werden und die Geburtenstation öffnet nach zwei Jahren endlich wieder ihre Pforten.

Dem Besucher jedoch fehlt es an nichts. Die Panteschi, hat man das Gefühl, haben dich und mich genauso gerne zu Gast wie die Schönen und Reichen. In den liebevoll modernisierten Dammusi, die sich sanft an die Inselhänge schmiegen, genießen große Namen wie Giorgio Armani, der Ruhe suchende Festlanditaliener und der deutschsprachige Aktivurlauber gleichermaßen das Hier und Jetzt.

Und wenn wir bei einem Spaziergang den Arco dell’Elefante bestaunen, dürfen wir keinesfalls vergessen, uns einmal kurz umzudrehen und an den großen Liedermacher Sergio Endrigo zu denken, der genau hier sein Feriendomizil hatte.

Letzten Sommer bin ich nach mehr als 40 Jahren nach Pantelleria zurückgekehrt.
Und es war, als hätte ich dort meinen Vater wiedergesehen, in diesem Meer, wo er glücklich und sorglos war. Dieses Meer, das unser natürliches Element war.

– Claudia Endrigo in „Sergio Endrigo, mio padre“ – 

Das Abenteuer Pantelleria endet für uns am Küchentisch von Nonna Costanza. Bei caffè, biscotti und dem ein oder anderen Likörchen beginnt sie von ihrem Leben zu erzählen. Für uns unvorstellbar schwer und beengt. Gerade ein einziges Mal ist sie über Sizilien hinausgekommen, zu ihrer Schwester nach Apulien. Von der Flucht aus dem Elternhaus und einem frühen Muttersein. Von der Schönheit und Ursprünglichkeit der Natur, von Abgeschiedenheit und Einsamkeit, von Familienglück. Wir haben die Insel kreuz und quer befahren, unendlich viele Fotos geschossen und uns durch alle Köstlichkeiten probiert. Die Seele Pantellerias eröffnet sich uns in Nonna Costanzas Wohnküche. Wir versprechen wiederzukommen.

Und bald erzähle ich euch mehr von Pantelleria … von der traditionellen Wohnform der Dammusi, dem Amphiteater der Kapern und von einem ganz besonderen Kuss 😉

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