Eine Postkarte weckt Erinnerungen

Südtirol anno 1975
Ein Beitrag von Marcus Meyer

Wer kennt das nicht? Die großen Ferien stehen vor der Tür, man sitzt in Familie zusammen und irgendwie kommt das Gespräch auf „früher“! Wisst ihr noch damals? So auch bei uns.

Es ging um unseren ersten Familienurlaub im fernen Italien, im fast 1.000 km entfernten Südtirol damals in den Sommerferien 1975. Ich war acht Jahre alt und die Fahrt ging in die Nähe von Bozen. War das überhaupt Italien? Schließlich wurde dort Deutsch gesprochen, doch das war uns Kindern egal. Wir saßen unangeschnallt auf der Rückbank unseres VW Variant und waren voller Erwartungen. Einen Familien-Van oder SUV hatte und brauchte zu jener Zeit noch niemand.

Und so versuchten wir 42 Jahre später unseren Familienurlaub zu rekonstruieren. Die Daten waren schnell gefunden bzw. aus der Erinnerung hervorgeholt. Pension Warasin in Girlan bei Eppan und Bozen, soviel wussten wir. Vielmehr nicht, denn Fotos wurden in diesem Sommer irgendwie nicht gemacht.

Wie schön, dass es heute das Internet gibt und so wurden die Daten mal eben bei google eingegeben und siehe da, es kam sofort ein schönes Foto von unserer Pension. Nein, es war kein Foto, sondern eine Postkarte. Eine Erinnerungspostkarte mit vier Bildern, die die Pension seiner Zeit selbst herausgegeben hatte. Sie war natürlich neu und weder beschrieben noch frankiert. Und was noch besser war: Die Karte konnte bei ebay im Sofortkauf ergattert werden. Dieser Spaß bzw. diese Erinnerung war mir die 5,00 € wert. Drei, zwei, eins, meins und nach drei Tagen war die Karte da.

Auf der Rückseite pries sich die Pension selbst an:
Ruhiges Haus in 39050 Girlan (450m über d. M.) mitten in Obst- und Weinbergen, gepflegte Küche, alle Zimmer mit fließendem Kalt- und Warmwasser (!) sowie Dusche und WC. Beheiztes Schwimmbad, Sauna, Sonnenterrasse und gemütliche Aufenthaltsräume. Schöne Liegewiese und Parkplatz. Ja, das machte schon etwas her und die Eltern hatten sich das auch etwas kosten lassen.

Doch die vier Bilder auf der Vorderseite gaben natürlich viel mehr her. Den Blick auf die Berge und auf die Weinanbaugebiete. Der Frühstücksraum mit klassisch lila Tischdecken und dann natürlich der Pool mit der dahinter liegenden Bar. In diesem Pool hatte ich in genau jenen Ferien Schwimmen gelernt und nach einigen Tagen den Schwimmring und die Schwimmflügel weggelegt. Zur Belohnung bekam ich in der Bar mein erstes Spezi (mit Eiswürfel und Zitronenscheibe!).

Schnell ging das Kopfkino weiter. Die erste Erinnerung liegt schon vor der Ankunft. An einer Tankstelle hinter dem Brenner sollten wir 20.000 oder 30.000 bezahlen. Das trieb mir die Tränen in die Augen. Wo sollten meine Eltern so viel Geld hernehmen? Niemand hatte mir gesagt, dass man dort mit Lire bezahlte. Zum Trost bekam ich später ein Eis. Es war lecker, aber ich kannte dieses Eis nicht, das dort offenbar sehr beliebt war. Es sah aus wie Vanille, nur etwas heller, es schmeckte ähnlich, war aber mit ganz kleinen Schoko-Stückchem gespickt und den Namen konnte man eigentlich nicht aussprechen: Stracciatella!

Die diversen Stadtbummel in Bozen sind mir natürlich ebenso in Erinnerung geblieben. Ständig lag eine Hitzeglocke über der Stadt, die viele Menschen wohl nicht vertragen konnten. Es fuhren permanent Krankenwagen mit Blaulicht auf und ab. Auch die dreiräderigen Kleintransporter, die wie ein Motorroller brummten habe ich dort zum ersten Mal bewusst gesehen. Dutzende fuhren oder „hoppelten“ dort durch die Stadt. Es war die Ape! Ein Fahrzeug, das ich als autobegeistertes Kind aber nicht kannte. Aber die Fiat, Alfa Romeo und Lancia, die durch die Städte fuhren, die kannte ich natürlich. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis ich meine Mutter überreden konnte, ein Spielzeuggeschäft aufzusuchen.

Das waren im damaligen Italien eher Lotto- und Zeitschriftenbuden, die aber auch ein gut sortiertes Modellautoregal hatten und so bekam ich einen schönen roten Fiat 128 von Mebetoys im Maßstab 1:43. Das Modell gibt es übrigens heute noch. Völlig zerkratzt und zerspielt hatte ich es vor Jahren in einer alten Spielkiste gefunden. Der Versuch, es neu zu lackieren, schlug irgendwie fehl und so blieb es bei der Erinnerung. Glücklicherweise fand ich (wieder bei google) ein Foto, wie das Modell mit Packung seiner Zeit ausgesehen haben muss.

Es war eine schöne und unkomplizierte Zeit, damals im Sommer `75 und eigentlich müsste man dort noch einmal hin ins kleine Girlan. Doch die weitere Recherche im Internet bringt Ernüchterung. Die Pension Warasin wurde schon vor vielen Jahren abgerissen. Das Inhaber-Ehepaar hatte keinen Nachfolger gefunden und so musste das ganze Gelände der Erweiterung der Weinberge weichen. Was bleibt, ist die Erinnerung und ein Ehrenplatz für die Postkarte!

Text: Marcus Meyer
Bilderquellen: TYPAK, St. Ulrich (Postkarte); subito.it (Fiat Modell); schira.de (Ape)

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