Alle Artikel in: Kultur

Pistoia – Kulturhauptstadt 2017

Bereits vor einigen Jahren ist mir eine Stadt ans Herz gewachsen, die bislang nicht unbedingt ganz oben auf der Liste der bevorzugten Ziele der Toskanaurlauber stand. Dies könnte sich von jetzt an ändern, denn Pistoia darf sich seit Anfang des Jahres mit dem Titel Italienische Kulturhauptstadt 2017 schmücken. Egal aus welcher Richtung man auf die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz zufährt, man ist umringt vom Grün einer schier unendlich scheinenden Vielfalt an Pflanzen, denn Pistoia verfügt über die größte Dichte an Baumschulen in Europa. Und sicherlich wird sich der ein oder andere von Ihnen bei dem Gedanken ertappen, dass die heimische Terrasse doch etwas mediterranes Flair vertragen könnte. Den Blick nach oben gerichtet, eröffnet sich ein traumhaftes Panorama auf den Tosko-Emilianischen Apennin, mit seinem höchsten Punkt dem Monte Cimone. Von Florenz aus erreicht man Pistoia in nord-westlicher Richtung in etwa einer halben Stunde. Es verfügt über zahlreiche Parkmöglichkeiten, von denen aus man sich in wenigen Gehminuten mitten im historischen Zentrum befindet. Die Atmosphäre ist lebhaft und entspannt zugleich, die Menschen unaufgesetzt freundlich. Zahlreiche kleine Boutiquen machen das Einkaufserlebnis Italien zu dem, …

Die Befana kommt bei Nacht …

La Befana vien di notte con le scarpe tutte rotte con le toppe alla sottana: Viva, viva la Befana! Die Befana kommt bei Nacht mit ihren ganz kaputten Schuhen mit den Flicken auf dem Rock: Es lebe, es lebe die Befana! Gespannt sehen die kleinen Italiener dem Dreikönigstags entgegen. Am Vorabend, bevor sie zu Bett gehen, legen sie einen Strumpf für die Befana bereit, in der Hoffnung, ihn am nächsten Morgen reichlich gefüllt vorzufinden. Das Wort Befana leitet sich von Epifania ab, dem italienischen Begriff für das Dreikönigsfest. Bei der Befana handelt es sich um eine freundliche Hexe, die in der Nacht zum Dreikönigstag auf ihrem Besen ihre Runde dreht, durch die Kamine der Häuser steigt und die Strümpfe der Kinder mit Süßigkeiten füllt. Oder mit Kohle, was davon abhängt, wie bravo/a der oder die Kleine im vergangenen Jahr war. Doch Italien wäre nicht Italien, wenn die Kinder nicht alle belohnt würden, und die “Kohle” nicht aus einer pappsüßen, schwarzen Zuckermasse bestünde, die lediglich wie Kohle aussieht. Der Legende nach erfuhr die Befana die frohe Botschaft von der …

Daniel Speck – Bella Germania

Als ich Daniel Speck an einem zapfig kalten Winternachmittag in seiner Heimatstadt München treffe, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, wo ich mit meinen vielen Fragen überhaupt anfangen soll. Schon als ich das Päckchen vom Fischer Verlag ein paar Tage zuvor zu Hause öffnete und dieses dicke Bündel Buch im gelungenen Retrodesign in der Hand hielt, ahnte ich leise, dass dieser Roman meine Italiensehnsucht für eine Weile stillen könnte. Wie sehr mich Daniel Specks Debütroman berührt, das wusste ich spätestens nach den ersten paar Seiten. Aus meinen vielen Fragen wurde ein lebhaftes, informatives und konstruktives Gespräch mit einem Menschen, der meine tiefe Verbundenheit zum Land Italien und seinen Menschen teilt und dessen Weg, konsequent das zu verfolgen wohinter man steht und was man liebt, mich in meinem eigenen Tun bekräftigt. „Bella Germania“ erzählt eine italienische Familiengeschichte von den Fünfziger Jahren bis heute, vom Suchen und Finden der eigenen Wurzeln und von der Liebe: der Liebe zu seinem Beruf, zur eigenen Heimat, der Liebe zwischen zwei Menschen und vor allem zur Familie. Gleichzeitig ist „Bella Germania“ ein …

Der Poet von Polignano

Durch die Gassen von Polignano a Mare zu streifen, ist ein wenig wie ein Poesiealbum zu durchblättern. Über das ganze süditalienische Städtchen hinweg verteilt ziert dieselbe Handschrift Mauern, Treppen, Türen und vieles mehr. Auch bewegliche Gegenstände werden nicht verschont. Hinter diesen Zitaten, Versen und Lebensweisheiten verbirgt sich Guido il Flâneur, wie er sich selbst nennt. Die literarische Figur des Flâneur streift durch die Straßen und Gassen der Städte, beobachtet und reflektiert. So auch Guido Lupori, Jahrgang 1946 und vor vielen Jahren aus dem nahe gelegenen Bari nach Polignano a Mare gekommen. Hier hat sein Zwilling das Meer seine Freiheit vergrößert, wie an einer der Mauern zu lesen ist. Bis 2046 möchte er mindestens gerne bleiben, das erschließen wir uns aus seinen Schriften. Mit seiner Poesie will Guido il Flâneur auf die Schönheit, die die Literatur für uns bereithält aufmerksam machen. Vor allem bedient er sich der Poesie großer Autoren, lässt aber auch gerne eigene Gedanken in seine Werke miteinfließen. Beschränkt man sich auf dieses nette kleine Detail, wird man Polignano a Mare jedoch nicht gerecht, …

Die Nudel-Frauen von Bari Vecchia

Unter dem Arco Basso in Bari Vecchia, der gepflegten und verwinkelten Altstadt von Apuliens Hauptstadt Bari, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Vor ihren Wohnungen sitzen Damen an recht provisorisch aufgebaut scheinenden Tischen und zaubern tagein tagaus die für Bari und Apulien so berühmten Orecchiette. Der Teig besteht aus Wasser und Hartweizengrieß. “Kein Salz, das wird erst beim Kochen hinzugegeben”, erklärt mir eine der liebenswerten und aufgeschlossenen Damen. Aus dem frisch zubereiteten Teig formt sie zunächst schmale Rollen, trennt davon etwa zwei Zentimeter große Stücke ab und zieht sie mit ihren geschickten Händen und einem geriffelten Messer über die Oberfläche ihres Holztisches. Auf diese Weise entstehen diese Öhrchen (Orecchiette), die ihren Namen natürlich ihrer Form zu verdanken haben. Im Dialekt werden sie jedoch Strascinati genannt, vom Verb strascinare, das eben diese Bewegung des Ziehens über den Holztisch wohl am genausten beschreibt. Die freundlichen Nudel-Frauen bieten ihre Orecchiette in vielen verschiedenen Größen an. Auch die Vollkorn-Variante ist zu finden. Auf in Holzrahmen gefassten Gittern trocknen die Nudeln mit Hilfe der Sonne innerhalb von kurzer Zeit und wollen käuflich erworben werden. Mir wird versichert, dass es keine Touristenpreise gibt. Traditionell …

Porto Rafael – Träumen ist Leben

Rafael Neville hatte einen Traum: ein kleiner Strand, wenige Häuser inmitten der Vegetation, das blaue Meer und in der Ferne ein paar Inseln. So will es die Legende um den spanischen Grafen und sein Porto Rafael, eine wahre Perle im Norden Sardiniens, gegenüber des zum Weltnaturerbe erklärten Inselarchipels La Maddalena gelegen. Das symbolische Rathaus von Porto Rafael ziert eine Tafel mit der Inschrift “Sognare è vivere” – “Träumen ist Leben”: Unter diesem Motto erschufen nach intensiver Suche nach dem geeigneten Ort der spanische Graf Rafael Neville und ein befreundeter Anwalt Anfang der 60er Jahre dieses romantische Refugium. Die Nähe zum damaligen Hot Spot Porto Cervo und seiner Gesellschaft rund um den Fürsten Aga Khan zog schnell auch die Hautevolee an. Laue Sommernächte, Feste ganz in Weiß, exzellenter Wein und endlose Gespräche über Gott und die Welt mit Menschen aus aller Herren Länder. Ist das nicht genau der Ort, an den wir uns an nicht enden wollenden Büro- oder dunklen Wintertagen träumen? Das Bild zeichnen das Blau des Meeres und des Himmels, das Weiß der Häuser, das Grün der Macchia und …