Kultur, Weinfenster

Handel auf Abstand – gestern und heute

Vor Kurzem entdeckte die Associazione Buchette del Vino in einem Buch von 1634 den ältesten Beleg über den Weinverkauf durch unsere geliebten Fenster: unter besonderen Umständen, hervorgerufen durch eine Epidemie.
Aber natürlich! Die Weinlöcher bieten sich bestens an, wenn es um Handel „ohne Ansteckungsgefahr“ geht – heute wie gestern!

Das Weinloch in der Via dell’Isola delle Stinche wurde schon zu Beginn der Pandemie durch die angrenzende Eisdiele Vivoli wiederbelebt: zwar nicht mit dem Verkauf von Wein, aber von Cappuccino und Eis in To-go-Behältern. Dieses Fenster sowie das der Osteria delle Brache ganz in der Nähe an der Piazza Peruzzi und das von Babae in der Via Santo Spirito katapultieren uns zurück in die Vergangenheit. Wir können nun selbst testen, was eine ganz ursprüngliche Funktion der Weinlöcher darstellte: den Handel auf Distanz. Zwingend notwendig übrigens zu Zeiten der Pest!

In seinem Bericht zur Ansteckung in Florenz in den Jahren 1630 und 1633 erzählt der Florentiner Gelehrte Francesco Rondinelli, dass während der schrecklichen Epidemie, die ganz Europa in zwei Wellen heimsuchte, der Wein aus den Palazzi heraus verkauft wurde. Um Ansteckung durch den Kontakt mit den Käufern zu vermeiden erhielt man die Bezahlung nicht direkt auf die Hand, sondern in eine Kelle aus Metall, die im Anschluss sofort zur Desinfektion in Essig gelegt wurde. Außerdem vermieden es die Verkäufer vorsichtshalber, die von den Kunden mitgebrachten Flaschen zu berühren oder einzutauschen.

Es gab zwei Vorgehensweisen: Entweder kaufte der Kunde bereits abgefüllten Wein durch das Fenster oder er füllte die eigene Flasche über einen Hahn auf, der durch einen Behälter im Inneren des Gebäudes gespeist wurde. Diesen musste der Verkäufer zuvor natürlich mit der entsprechenden Menge Wein aufgefüllt haben. Durch die Schwerkraft erreichte der Wein die Flasche des Käufers!

In diesem alten Text sprach man übrigens noch nicht von einem „Loch“ oder „Fenster“, sondern ganz allgemein von einem „Türchen“.
1714 wurde das Dokument neu aufgelegt, ergänzt um die berühmtesten Pestilenzen der Welt und um eine Kurzbiografie des Autors, der für seine Leistung im Zusammenhang mit diesem Werk von Großherzog Ferdinando II. de’ Medici zum großherzoglichen Bibliothekar und zum Privatlehrer der späteren Großherzogin Vittora della Rovere ernannt wurde.

Autorin des Originalartikels: Diletta Corsini
Bildrechte (wenn nicht anders angegeben): Associazione Buchette del Vino
Freie Übertragung aus dem Italienischen: Vanessa Wanhoff

Auf der Facebook-Seite der Associazione Buchette del Vino gibt es immer wieder schöne Fotos, nette Schnappschüsse und interessante Informationen und Neuigkeiten rund um unsere geliebten Weinfenster. Ein “Gefällt mir” lohnt sich!