Kultur

Loro – Die Verführten

Italien 2006 – 2010:
„Alles dokumentiert. Alles willkürlich.” (Giorgio Manganelli)

Toni Servillo am Set von Loro – Die Verführten. Credit: DCM Film

Abgewählt und ausgebrannt schmiedet Silvio Berlusconi in seinem goldenen Käfig auf Sardinien Pläne zur Rückkehr an die Macht. Seine Frau Veronica empfindet schon längst keine Bewunderung mehr für ihn und versucht mit allen Mitteln, ihre Würde zurückzuerlangen. Der Polit-Greis Santino Recchia spekuliert darauf, Berlusconi als Führer des Mitte-Rechts-Bündnisses abzusägen. Und der Kleinkriminelle Sergio Morra will endlich aus der apulischen Provinz ausbrechen und mit Hilfe seiner koksenden Callgirl-Eskorte in den Dunstkreis der Schönen und Mächtigen vordringen.

Nein, es ist kein Film über Silvio Berlusconi. Dieser betritt, verkörpert durch den charmant-witzigen und extrem wandelbaren Toni Servillo, erst nach 40 Minuten die Kinoleinwand. Der Zuschauer hat in dieser Zeit schon längst verstanden, worum es geht: Es geht um sie („loro”), um diesen Mikrokosmos der Verführten, der den Machtmenschen Berlusconi umgibt. Um eine Parallelwelt, die verstört und fasziniert zugleich. Loro, das sind aber auch sie, die Italiener, die sich den leeren Versprechungen ihres Traumverkäufers stets aufs Neue hingeben und einem Mann folgen, für den Politik und unternehmerischer Größenwahn auf ein und derselben Bühne spielen.

Loro – Die Verführten. Credit: DCM Film

Niemand hätte dieses surreale Bild besser auf die Kinoleinwand malen können als der „derzeitige Großmeister der italienischen Filmkunst“ (NZZ) Paolo Sorrentino, der uns vor der Kulisse des paradiesischen Sardiniens grotesken Szenen mit mehr nackter als bedeckter Haut, einer Menge Designerdrogen und freizügigen Dialogen aussetzt und der uns in ein Wechselbad der Gefühle aus Bewunderung und Ablehnung, aus Neugierde und Scham taucht.

Es sind von Schönheit und Lautheit überbordende Bilder, mit denen uns Paolo Sorrentino da konfrontiert. Nach und nach nimmt der Film dann seine leisen, nachdenklichen und gar melancholischen Töne an. Vergebens versucht die wunderbare Elena Sofia Ricci in der Rolle der Ehefrau Veronica, ihrem Mann die Maske vom Gesicht zu reißen und ihm zu entlocken, wer er wirklich ist. Die blutjunge Nachwuchsschauspielerin Stella fühlt sich auf der großen, endlosen Party fehl am Platz und erinnert sich in Anwesenheit dieses vor Alter und Machtlosigkeit flüchtenden Mannes an den Geruch ihres Großvaters.

Toni Servillo und Elena Sofia Ricci. Credit: DCM Film

Mit unerwartet leisen und wenig bunten Bildern entlässt uns Paolo Sorrentino am Ende aus seinem Meisterwerk. An dieser Stellte des Films könnte man meinen, so etwas wie eine Botschaft zu verspüren.

Loro ist keine Parodie auf Silvio Berlusconi, die schreibt er selbst am besten. Schon eher ist es eine virtuose Tragödie über einen Verführer und seine Verführten. Paolo Sorrentino stellt uns nach La Grande Bellezza – Die große Schönheit erneut vor ein Gesamtkunstwerk, das man ganz alleine einordnen muss. Es bedarf nur etwas Zeit. Um nachzuwirken, es zu verstehen oder stehen zu lassen.

Ab 15. November 2018 im Kino

Regisseur Paolo Sorrentino. Credit: DCM Film

Für die Sichtungsmöglichkeit bedanke ich mich bei DCM Film und voll:kontakt.