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Nicht hinter jedem Türchen steckt ein Weinloch

Auf einen ersten, flüchtigen Blick sehen sie tatsächlich aus wie Weinlöcher: Sie sind bogenförmig, verfügen über ein Türchen oder die Reste eines solchen, wie etwa Scharniere. Sie befinden sich auf Körperhöhe an den Fassaden mehr oder weniger herrschaftlicher Gebäude oder unter Gewölbebögen, die in eine Gasse oder Straße führen. Meist sind sie jedoch kleiner als die uns bereits bekannten Öffnungen.

Sehen wir uns zwei davon etwas näher an:

Auf dem ersten Bild sieht man ein Türchen, das sich nach außen öffnen lässt. Zu unseren “normalen” Weinlöchern passt das irgendwie nicht, denn diese wurden von den Bediensteten der Weinkeller betätigt – und zwar von innen!

Auf dem zweiten Bild stellt man eine weitere Abweichung fest: Der Hohlraum (ohne ein inneres Holztürchen) endet in seiner Tiefe mit einer Mauer. Die stillgelegten Weinlöcher hingegen wurden bündig mit der Fassade bzw. ihren Umrandungen aus Stein zugemauert. Außerdem befindet sich in diesem Hohlraum ein Haken – ein kleiner Seilzug oder die Überbleibsel einer Vorrichtung aus Metall.

Nähern wir uns dem Hohlraum und sehen nach oben, können wir mit etwas Glück noch einen in den Stein oder die Ziegel geschlagenen Kanal ausmachen: Vom höchsten Punkt der Öffnung führt dieser senkrecht nach oben in das Innere der Mauer. Mit noch mehr Glück haben wir es mit einem Exemplar zu, an dessen Haken sich sogar noch ein Seil befindet.

Danach sollten wir ein paar Schritte zurücktreten, unseren Blick heben und uns auf die architektonischen Details und öffentlichen Objekte der unmittelbaren Umgebung konzentrieren.

Madonna mit Kind
(Schule des Rossellino)
mit Beleuchtung und Wartungsfensterchen
Via Martelli 9, Florenz

Es ist gut möglich, dass sich weiter oben an der Fassade – in etwa auf Achse des Türchens oder des “Loches” – ein Schrein oder eine Heiligendarstellung befindet. Oder vielleicht auch nur das, was von einer alten Laterne übrig geblieben ist (eine aus der Mauer herausragende Stange, eine baumelnde Kette…).

Wir haben es hier also nicht mit einem unserer Weinfensterchen zu tun, sondern mit einer Art Wartungsschacht. Durch diesen konnte ein Seil oder ein Seilzug eine an der Fassade angebrachte Öllampe nach oben und unten befördern. Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um die Votivlampe eines Schreins oder einer Heiligendarstellung. Ließ man die Lampe herunter, konnte jedermann (der “Lichtmacher” oder der gläubige Wächter) den Docht anzünden und das Öl auffüllen, sodass die Laterne – Symbol des unaufhörlichen Gebets – die ganze Nacht brennen konnte. Ein schummriges und wackeliges Licht, das die Straßen etwas zu erleuchten und weniger gefährlich zu machen vermochte.

Autorin des Originalartikels: Diletta Corsini
Bildrechte: Associazione Buchette del Vino
Übersetzung aus dem Italienischen: Vanessa Wanhoff

Mit herzlichem Dank an Matteo Faglia und die Associazione Buchette del Vino für die freundliche Zusammenarbeit!