Kultur

Daniel Speck – Piccola Sicilia

Piccola Sicilia. Bildrechte: Daniel Speck

Als hätte er das weiche, wärmende Sonnenlicht aus Tunesien direkt mit nach Heidelberg gebracht… Der Herbst zeigt sich von seiner goldenen Seite als ich Daniel Speck zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Bella Germania“ wiedersehe, als er die Herzen seiner deutschen und italienischen Leser im Sturm eroberte.

Nun ist er zurück, mit einer neuen Geschichte, die ganz anders ist und sich dennoch so schön vertraut anfühlt. Daniel Specks Figuren der Gegenwart nehmen uns mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit, die nicht nur fesselt, weil sie spannend erzählt ist, sondern weil sie durchaus auch unsere sein könnte und weil sie aktueller denn je ist. Er bringt uns erneut ein Stück Zeitgeschichte näher, das wir bereits zu kennen glaubten… bis wir „Piccola Sicilia“ in die Hand nehmen und nicht mehr weglegen können.

Daniel Speck ist mal wieder Eins mit seinem Thema und sprüht nur so vor Energie und Begeisterung, als er von seinen Recherchen und den Begegnungen mit den Menschen, die ihm die Geschichten für seine Geschichte erzählten, berichtet. Und von seinen Sinnesempfindungen, die gerade deshalb so eindrücklich, bleibend und bunt sind, weil sie die Früchte friedlicher Koexistenz unterschiedlicher Lebensformen, Kulturen und Religionen sind.

„La Piccola Sicilia, das waren der Strand und die Palmen, der Duft von Brot am Morgen, gegrilltem Fisch am Mittag und Jasmin am Abend. Es war das Viertel, wo die eine Hälfte der Menschen das Essen kochte, das die andere Hälfte verspeiste.“

Daniel, in Bella Germania haben wir zusammen mit deinen Romanfiguren die Nachkriegsjahre anhand der italienischen Gastarbeiterbewegung nacherlebt. Vom Süden in den Norden. In deinem neuen Roman nimmst du uns mit auf eine Reise in die entgegengesetzte Richtung, von Sizilien weiter in den Süden, nach Piccola Sicilia, dem Little Italy von Tunesien. Wann und wie kam es zu dieser Bewegung und wie dürfen wir uns diesen magisch klingenden Ort vorstellen?

Ich wollte keine Fortsetzung von „Bella Germania“ schreiben, da diese Geschichte auserzählt ist. Dennoch interessierten mich wieder die Zeitgeschichte und die Begegnung verschiedener Kulturen. Schon seit längerem recherchierte ich über den Zweiten Weltkrieg in Nordafrika und stieß dort auf faszinierende Geschichten, die zu meiner eigenen Überraschung wieder mit Deutschen und Italienern zu tun hatten… aber auf eine ganz andere Art.

„Piccola Sicilia“ war das italienische Einwandererviertel von Tunis, in dem u.a. auch Claudia Cardinale geboren wurde. Dort war das bunte Miteinander von Sprachen, Kulturen und Religionen gelebter Alltag. Ein mediterraner, lebensfroher Ort, wo Muslime, Juden und Christen in guter Nachbarschaft lebten… bis der Krieg das Land erreichte, und mit ihm der Faschismus. Je mehr ich darüber erfuhr, desto faszinierter war ich von dieser Welt und ihren Menschen. Inspiriert von wahren Begebenheiten kam ich schließlich dazu, wieder die Geschichte einer italienischen Auswandererfamilie zu erzählen… diesmal aber südlich von Italien. Und die Geschichte eines Deutschen, der ihnen begegnet… diesmal aber unter gefährlicheren Umständen.

Sicher, es war kein Paradies, wo gibt es das schon, aber man hielt zusammen, denn die Feinde waren gemeinsame Feinde: die Moskitos im Sommer, die Flöhe im Winter und der staubige Scirocco aus der Sahara, der die Frauen verrückt machte. Man hatte Wichtigeres zu tun, als über Religion zu streiten. […] Man wusste Maß zu halten, im Streit und in der Liebe, man wusste, du kannst deinen Nachbarn einen dummen Esel nennen, aber du darfst niemals seinen Gott beleidigen oder, schlimmer noch, seine Mutter.

Piccola Sicilia spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Du beschreibst die Kriegsereignisse in Nordafrika und sprichst von der Beziehung zwischen Juden und Muslimen. Das klingt nicht unbedingt nach leichter Kost. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?

Die Aktualität. Heute diskutieren wir wieder darüber, ob und wie das Miteinander von Christen, Juden und Muslimen gelingen kann. Als wäre es eine ferne Utopie. Dabei war es in Tunesien und auch anderen Mittelmeerländern lange Zeit gelebte Realität. Was heute schwer klingt, war damals leicht. Die Menschen hatten andere Probleme. Koexistenz liegt in der historischen DNA von Tunesien, das ebenso wie Sizilien im Zentrum des Mittelmeers liegt, wo die Handelsrouten sich kreuzen, wo Ost und West, Europa und Afrika sich begegnen. Auch heute sprechen dort sogar viele Kinder italienisch, da sie mit italienischem Fernsehen aufwachsen. Das ist nicht zwangsläufig „schwere“, sondern auch sehr leckere Kost – zum Beispiel erzähle ich von der tunesischen Küche, die ähnlich vielfältig ist wie die sizilianische, weil sie italienische, französische und arabische Einflüsse miteinander verbindet.

Tunis. Bildrechte: Daniel Speck

Wie schaffst du es, den Leser an die Hand zu nehmen und mit deiner gewohnten Leichtigkeit durch das Buch zu führen?

Ich mag selbst keine düsteren Bücher, die den Leser nur runterziehen. Was mich bei „Piccola Sicilia“ interessierte, waren die Geschichten von Menschen, die mit ihrem Mut und ihrer Menschlichkeit Licht in dunkle Zeiten brachten. Die sich gegen alle äußeren Widerstände verlieben und einander helfen. Außerdem erzähle ich noch eine Gegenwartsgeschichte, die hilft, die Geschehnisse der Vergangeheit zu reflektieren: Die Berliner Archäologin Nina reist nach Sizilien, um an einer Unterwasserausgrabung teilzunehmen – ein alter Studienfreund hat das Flugzeugwrack entdeckt, in dem Ninas Großvater zwischen Tunis und Trapani abgestürzt sein soll.

Daniels Agfa Karat, wie die von Ninas Großvater. Bildrechte: Daniel Speck

Hauptschauplatz deines Romans ist Tunesien. Dennoch dürfen wir Italienfreunde uns über eine Menge interessanter Fakten über unser Sehnsuchtsland freuen. Ich muss zugeben, auch für mich war einiges neu dabei. Beispielsweise erklärst du, warum die Landung der Allierten in Sizilien überraschend schnell voranging und dass hierbei unter anderem die Mafia eine nicht unerhebliche Rolle spielte.

Ja, nicht nur die Gegenwartsebene, auch ein Teil der Vergangenheitshandlung spielt in Italien. Die Landung der Alliierten auf Sizilien im Sommer 1943 ist eine der spannendsten, aber hierzulande noch kaum erzählten Geschichten des Zweiten Weltkriegs. Schon ein Jahr vor der Landung in der Normandie war es ein entscheidender Sieg gegen die verbündeten Italiener und Deutschen, der zum Fall Mussolinis im Herbst 1943 führte. Die Amerikaner bedienten sich ganz pragmatisch der Hilfe inhaftierter Mafiosi in den USA, u.a. des berühmten Lucky Luciano. Seine sizilianischen Freunde halfen der US Army, die Insel zu erobern. Im Gegenzug wurden nicht wenige Mitglieder der Cosa Nostra aus den Gefängnissen entlassen und erhielten Stellen in den Gemeindeverwaltungen… bis hin zum Bürgermeister.

Die Figuren deiner Geschichte bringen uns über Sizilien hinaus an weitere Italien-Schauplätze. Ferramonti, Reggio Calabria, Eboli, Bari, Barletta und nicht zuletzt Rom, genauer gesagt Cinecittà. An diesen Orten befanden sich Lager. Um welche Art von Lager handelte es sich und woher kamen die Menschen, die sogenannten displaced persons?

Dass die Filmstudios der berühmten Cinecittà nach dem Krieg ein Flüchtlingslager waren, habe ich selbst erst bei der Recherche erfahren. 1945 irrten Millionen von Flüchtlingen durch ganz Europa. Viele von ihnen waren Juden aus Osteuropa und Deutschland, die den Holocaust überlebt hatten und auswandern wollten. Eine der zentralen Routen lief über Italien, wegen seiner exponierten Lage im Mittelmeer. Die einen schifften sich nach Nord- und Südamerika ein, die anderen nach Palästina. Unter den jüdischen Flüchtlingen wurde Italien deshalb „la porta di zion“ genannt. Sie sammelten sich in improvisierten Lagern und organisierten von dort aus die illegale Einwanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina. Das Mittelmeer war also immer schon eine Brücke.

„Und dann sehen wir auf einmal, dass wir nicht allein sind. Von überallher kommen andere auf unserem Weg, alle gehen sie durch die Dunkelheit, immer weiter. Und wenn wir aufhören, allein zu sein, beginnen wir, uns tragen zu lassen, wie Regentropfen, die vom Himmel in einen Fluss fallen, Tausende, Millionen. Wir hören auf, Tropfen zu sein, wir werden zu einem einzigen großen Strom, und jeder Strom fließt ins Meer. “

Kommen wir nocheinmal zurück nach Nordafrika. In Piccola Sicilia“ lernen wir über einen Konflikt, der bis heute nicht an trauriger Aktualität verloren hat. Welche Schlüsse hast du für dich aus deinen Recherchen für den Roman über den Nahost-Konflikt gezogen und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang deiner Meinung nach die Religion?

Obwohl damals Religion eine größere Rolle im Leben der Menschen spielte, war sie nicht die Quelle des Nahost-Konflikts. Auch im historischen Palästina lebte die jüdische Minderheit in guter Nachbarschaft mit den muslimischen und christlichen Arabern. Es gab natürlich auch Konflikte, wie immer unter Nachbarn, aber keine Pogrome in dem Ausmaß, wie sie in Europa und Russland geschahen. Der Nahost-Konflikt ist kein religiöser, sondern ein territorialer Konflikt: Zwei Völker beanspruchen ein Land als ihre Heimat. Religion wird in diesem Kontext oft instrumentalisiert.

Daniel, seit 12 Wochen finden wir Piccola Sicilia unter den Top 5 der Spiegel-Bestsellerliste, aktuell auf Platz 3. Gibt es momentan überhaupt so etwas wie Alltag für dich? Und auf was dürfen wir uns in Zukunft von dir freuen?

Seit der Roman Ende September erschien, spielt sich mein Alltag zwischen Bahnhöfen, Bibliotheken und Buchhandlungen ab. Ich bin nonstop auf Lesetour, jeden Abend in einer anderen Stadt. Das Reisen ist ein ganz schöner Schlauch, aber die Begegnungen mit den Leserinnen und Lesern sind eine große Freude. Viele finden ihre eigene Familiengeschichte in dem Buch wieder. Der Zweite Weltkrieg hat emotionale Wunden geschlagen, die Auswirkungen bis in die dritte Generation haben. Und deshalb ist die Geschichte noch nicht auserzählt: Ich arbeite bereits an der Fortsetzung von „Piccola Sicilia“. Sie erzählt, wie es mit der Familie weitergeht, von der Nachkriegszeit bis heute. Der Roman wird 2020 bei S. Fischer erscheinen.