Daniel Speck, Empfehlung, Literatur

Daniel Speck – Jaffa Road

Jetzt wäre er eigentlich schon auf Lesereise durch Deutschland, mit seiner nagelneuen Alfa Romeo Giulia Veloce. Doch die Umstände zwingen uns seit Monaten zu Geduld und Vorsicht. Umso größer ist die Freude über mein Wiedersehen mit Daniel Speck und seinen Romanfiguren, sowie das Kennenlernen der neuen Charaktere aus „Jaffa Road“. Ein gemütlicher Spaziergang an der Isar in München bei vorsichtigem Sonnenschein und selbiger Hoffnung, unsere Sehnsuchtsorte bald wieder bereisen zu können…

Jaffa Road, der dritte Roman von Daniel Speck, Bildrechte: Daniel Speck.

Sie sind so schicksalhaft miteinander verbunden wie Deutschland, Israel und Palästina, die Nationen ihrer Mütter. Und sie stehen vor einem großen Puzzle, das sie nur gemeinsam zusammensetzen können, indem sie sich die Geschichten der Frauen erzählen, mit denen Moritz Reincke drei verschiedene Leben lebte. Außer einem Koffer voller Fotos und einem Haus voller Fragen hat er Nina, Joëlle und Elias nichts hinterlassen.

In seinem neuen Roman nimmt uns Daniel Speck weiter mit auf die Reise seines modernen Odysseus, die in „Piccola Sicilia“ begann und in „Jaffa Road“ nun ihre Fortsetzung findet. Die beiden Bücher umfassen eine große Lebensgeschichte und können dennoch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Fest steht, wer eines der beiden Bücher kennt, wird auf das andere nicht verzichten können.

Mich persönlich haben die zutiefst menschlichen Geschichten aus „Jaffa Road“ nachhaltig berührt, denn sie laden dazu ein, die weltgeschichtlichen Ereignisse, das alltägliche Miteinander und auch sich selbst aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Obendrein fesselt uns der Roman mit einer feinen Krimigeschichte!

Der Strand von Mondello bei Palermo, Sizilien. Bildrechte: Daniel Speck

Daniel, die Rahmenhandlung von Jaffa Road spielt in Palermo. In einer etwas in die Jahre gekommenen Villa in Mondello treffen drei Personen aufeinander, die das Erbe ihres Vaters bzw. Großvaters antreten sollen. Er hinterlässt nicht nur ein Haus in Palermos noblem Badevorort, sondern auch eine Menge Fragen. Die erste Frage, die sich für mich stellte: Warum ließ sich der desertierte Wehrmachtssoldat Moritz Reincke ausgerechnet in Palermo nieder und erfahren wir auch etwas über sein Leben in Sizilien?

Das ist genau die Frage, die sich Nina und Joëlle stellen, als sie in Palermo landen. Ihr Vater und Großvater Moritz ist ein einziges Rätsel für sie. Sein Leben und sein Tod. Ich will hier natürlich nichts spoilern, aber die Leserinnen und Leser von „Piccola Sicilia“ wissen ja schon, was Moritz im Zweiten Weltkrieg erlebt hat: In Tunis verliebte er sich in eine jüdische Frau, für die er seine Berliner Verlobte im Stich ließ. In „Jaffa Road“ holt ihn seine Vergangenheit wieder ein, und er findet nirgends ein Zuhause. Sizilien in der Mitte des Mittelmeers ist der Kreuzungspunkt aller Strömungen in seinem Leben, sein Versteck vor der Vergangenheit, sein letzter Versuch, eine Heimat zu finden.

Welche Beziehung hast du persönlich zu Sizilien und was fasziniert dich am meisten an Palermo, das – wie du es so schön beschreibst – „nie ganz italienisch und immer sizilianisch ist, am Rand Europas, aber in der Mitte des Mittelmeers“?

Ich kannte Italien schon als Teenager ganz gut, aber Sizilien habe ich erst spät entdeckt, bei meinen Recherchen zu „Bella Germania“. Inzwischen bin ich ein großer Sizilienfan und fahre öfters dorthin als in andere Regionen. Das Besondere an Sizilien ist die große Vielfalt der kulturellen Einflüsse, bedingt durch die zentrale Lage im Mittelmeer. Das spiegelt sich ja auch in der sizilianischen Küche wieder, mit ihren spanischen, normannischen, griechischen und arabischen Noten. Sizilien überrascht mich immer wieder aufs Neue. Dort existiert das Schöne und das Hässliche nebeneinander, dort verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit miteinander. Deshalb ist es auch der perfekte Handlungsort für „Jaffa Road“. Nina, Joëlle und Elias begegnen sich dort, um einander die Geschichten ihrer Mütter zu erzählen, die aus drei verschiedenen Kulturen stammen.

Der entweihte Sakralbau Lo Spasimo, Palermo. Bildrechte: Vanessa Wanhoff

Das bin ich, denke ich. Zum ersten Mal auf dieser Reise gibt es keinen Bruch mehr zwischen meiner Innen- und Außenwelt; ich fühle mich gesehen in dem, was ich sehe: Die Wände stehen noch, aber das Dach ist weggebrochen. Der Wind weht durch den Raum; jeder kann durch die offenen Türen hereinspazieren. Und wieder raus.

Eine der für mich eindrücklichsten Szenen deines Buches spielt in Lo Spasimo. Das obige Zitat beschreibt Ninas Gefühle, als sie den Lieblingsort ihres verstorbenen Großvaters zum ersten Mal besucht. Und auch in einer deiner Beschreibungen über Moritz Reinckes dritte Liebe Amal finden wir ein ähnliches Bild. Sie „trug die Mauern des Hauses, in dem sie geboren war, immer noch in sich. Trotz allem war ihr inneres Gerüst intakt.“ Das Gebäude ohne Dach als Metapher für das Innenleben deiner Figuren?

Ja. Alle Figuren in „Jaffa Road“ sind auf ihre Weise unbehaust, entweder im Äußeren oder im Inneren. Mich hat die Magie des Ortes fasziniert, die Stille mitten in der Stadt, der entweihte Sakralbau und der offene Himmel dort, wo einmal ein Dach war, hat mich an die Schutzlosigkeit erinnert, die Joëlle und Amal als Kinder erlebt haben, unter Flüchtlingen auf Zypern und in Betlehem. Und doch gelingt es ihnen, als Erwachsene eine starke Identität zu entwickeln und für andere einzustehen.

Gestern Morgen war die Welt noch in Ordnung gewesen. Eigentlich ist sie ja nie in Ordnung, andauernd zerbricht irgendwo irgendetwas, aber wer will das schon so genau wissen. Ich hatte die Scherben meiner geschiedenen Ehe aufgesammelt, geordnet und beschriftet. Noch passte nicht alles zusammen, aber ich hatte gelernt, mich im Unvollständigen einzurichten.

Sich im Unvollständigen einrichten – das lehrt uns die Pandemie. Einen Großteil von Jaffa Road hast du während der Lockdowns geschrieben. Wir alle erinnern uns an die Bilder aus Italien vom Frühjahr 2020, als sich die Menschen über ihre Fenster und Balkone durch die Musik miteinander verbanden. Würdest du uns von der Parallele erzählen, die sich hierzu in deinem Buch wiederfindet?

Vielleicht hätte ich diese Szene ohne den Lockdown nicht geschrieben. Für die Menschen in Betlehem ist Ausgangssperre ja nichts Neues. Sie haben schon seit langem die Kunst entwickelt, in solchen Zeiten Nachrichten und Lebensmittel von Fenster zu Fenster auszutauschen. Zeitzeugen haben mir erzählt, dass sie sich nach der Niederlage im Sechstagekrieg vor Scham in die Häuser verkrochen haben. Aber auch, dass sie durch Musik und gemeinsames Singen neue Kraft geschöpft haben. So entstand die Szene, in der die Bewohner von Betlehem im Sommer 1967 ihre Fenster öffnen und ein berühmtes Jerusalem-Lied von Fairuz mitsingen, das im Radio läuft: Um einander zu zeigen, dass sie noch da sind, dass sie sich von den Soldaten auf ihren Straßen ihre Würde und Identität nicht nehmen lassen.

Jerusalem, Stadt der drei Religionen. Bildrechte: Daniel Speck

Was mich irritiert, ist nicht, dass sie unterschiedliche Meinungen zu einer Geschichte haben. Sondern dass sie zwei unterschiedliche Geschichten beanspruchen, die jeweils dort eine Leerstelle aufweisen, wo die Geschichte des anderen beginnt. Wenn nicht einmal zwei Geschwister im Exil einander zuhören wollen, wie können ihre Völker, die dasselbe Stückchen Erde Heimat nennen, ihre Erfahrungen zu einer gemeinsamen Geschichte zusammenfügen? Jedes Narrativ trifft irgendwann auf die komplexe Wirklichkeit, die immer auch die Narrative der anderen beinhaltet.

Jaffa Road behandelt einen der größten Konflikte der Nachkriegszeit. Du schilderst ihn anhand der Wahrnehmung deiner Figuren in vielen kleinen Geschichten und befreist damit uns Leser von dem Bedürfnis, eine Position zu beziehen. Perspektivwechsel und das Füllen von Leerstellen als Weg zu gegenseitigem Verständnis?

Ich erzähle, aber urteile nicht. Jede Figur hat auf ihre Weise Recht, wenn man versteht, woher sie kommt. Es geht mir auch nicht darum, einen politischen Konflikt als solchen zu erzählen, „Jaffa Road“ ist ja kein Sachbuch, sondern ein Mosaik aus kleinen und großen Geschichten. Ich folge den Schicksalen der ganz normalen Menschen, die im großen Strom der Geschichte versuchen, zu überleben und für ihre Liebsten zu sorgen. Ich lese meine Figuren nicht als Stellvertreter ihrer Kollektive, sondern als Individuen mit emotionalen Themen, die universell sind. Gefühle haben keine Nation. Was alle Figuren in „Jaffa Road“ verbindet, ist das Suchen, Verlieren und Aufbauen von etwas, das sie Heimat nennen können. Auch wenn es am Ende kein Land, sondern eine Beziehung ist. Insofern handelt „Jaffa Road“ auch von dem, was uns in Deutschland als immer tiefer gespaltene Gesellschaft bewegt: Wie können Menschen mit verschiedenen Identitäten und Narrativen ein gemeinsames „Wir“ finden, eine große Erzählung, in der jeder einzelne sich wiederfinden kann?

Am Ende unseres Gesprächs bleibt die Frage, was bei dir in den kommenden Monaten ansteht und ob deine Leser darauf hoffen dürfen, dich endlich einmal wieder persönlich treffen zu können.

Ab Juli mache ich wieder Lesungen, darauf freue ich mich schon sehr: Den direkten Kontakt und Austausch miteinander. Die Termine und Orte werden auf meiner Website veröffentlicht: danielspeck.com.