Alle Artikel in: Reisen & Genuss

„Tausend Meilen Dolce Vita“

Eine Rundfahrt durch das Land der Lebensfreude – ein Buchtipp von Marcus Meyer Es war im Sommer 2015 als die beiden Autoren Wolfgang Groeger-Meier und Michael O.R. Kröher eine außergewöhnliche Reise durch „Bella Italia“ unternahmen. Das aus den Erlebnissen geschaffene Buch beschreibt die Reise der beiden Autoliebhaber entlang der Strecke der legendären Rallye von Brescia nach Rom und zurück. Darin geht es allerdings nicht – wie man meinen könnte – um Autos, sondern um Land und Leute sowie um Kunst, Kultur, Kulinarisches und um die Sehenswürdigkeiten entlang des Streckenverlaufs. Dabei werden die altbekannten Klischees über Italien natürlich ebenso betrachtet wie das tatsächliche Leben im heutigen Italien. Das Buch, eine Kombination aus Bildband, Reiseführer und Erlebnisbericht, ist somit genau das richtige für den beginnenden Sommer und die Sehnsucht nach Normalität in Italien. Etwas, das im ersten Halbjahr 2020 natürlich überall gefehlt hat. Die Vorfreude auf Entdeckungen, auf neue Urlaubsziele und natürlich auf die Mille-Miglia-Rallye, die (eigentlich!) immer im Mai stattfindet, lässt sich beim Lesen von Seite zu Seite mehr wecken. Ach so! Natürlich sind die beiden …

Pantelleria – Die Tochter des Windes

„Das ist eine unschuldige Insel. Du verstehst das, wenn du den Passito trinkst oder die Kapern probierst. Die Süße und das Salz einer kostbaren Erde unter der Sonne und die letzten Götter, die es hier immer noch gibt, auch wenn niemand weiß, wo sie sind.” Franco Arminio Das Abenteuer Pantelleria beginnt für mich zu Hause in Deutschland mit einem Anruf bei Nonna Costanza, die uns für unseren Aufenthalt ein Bleibe zur Verfügung stellen wird. Einfach, aber mit allem was man so braucht, so die Freundin eines Freundes, die diesen Kontakt hergestellt und mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, dieses 81 km2 kleine Eiland zu besuchen. Ich wähle also die Festnetznummer einer mir unbekannten älteren Dame, sehe vor mir ein kleines Fleckchen Erde im großen blauen Meer und bin gespannt was passiert. Natürlich sei sie im Bilde über unseren Besuch, kenne unsere Flugzeiten und sogar der Fiat Panda sei schon reserviert. Bestimmt erkenne uns ihre Tochter auch gleich, wenn sie uns am Flughafen abholt. Ja, das Klischee der Tedesca erfülle ich. Wir plaudern noch eine ganze Weile …

Pistoia – Kulturhauptstadt 2017

Bereits vor einigen Jahren ist mir eine Stadt ans Herz gewachsen, die bislang nicht unbedingt ganz oben auf der Liste der bevorzugten Ziele der Toskanaurlauber stand. Dies könnte sich von jetzt an ändern, denn Pistoia darf sich seit Anfang des Jahres mit dem Titel Italienische Kulturhauptstadt 2017 schmücken. Egal aus welcher Richtung man auf die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz zufährt, man ist umringt vom Grün einer schier unendlich scheinenden Vielfalt an Pflanzen, denn Pistoia verfügt über die größte Dichte an Baumschulen in Europa. Und sicherlich wird sich der ein oder andere von Ihnen bei dem Gedanken ertappen, dass die heimische Terrasse doch etwas mediterranes Flair vertragen könnte. Den Blick nach oben gerichtet, eröffnet sich ein traumhaftes Panorama auf den Tosko-Emilianischen Apennin, mit seinem höchsten Punkt dem Monte Cimone. Von Florenz aus erreicht man Pistoia in nord-westlicher Richtung in etwa einer halben Stunde. Es verfügt über zahlreiche Parkmöglichkeiten, von denen aus man sich in wenigen Gehminuten mitten im historischen Zentrum befindet. Die Atmosphäre ist lebhaft und entspannt zugleich, die Menschen unaufgesetzt freundlich. Zahlreiche kleine Boutiquen machen das Einkaufserlebnis Italien zu dem, …

Sommerfrische über Bozen

In der Wartehalle der Kohlerer Seilbahn bei Bozen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Kassenhäuschen ist geschlossen. Man kauft das Ticket bei Ankunft an der Bergstation. Der Fahrplan besteht aus den kultigen Plastikzahlen und -buchstaben wie wir sie aus den italienischen Bars kennen und lieben und in denen der Espresso nach wir vor für unter einem Euro zu bekommen ist. 1908 nimmt die historische Seilbahn als eine der ersten Personenschwebebahnen der Welt ihren Betrieb auf. Seitdem transportiert sie über etwa 800 Höhenmeter Einheimische und Touristen auf Kohlern, den Hausberg der Bozener und grüne Lunge der Stadt. Oben angekommen eröffnet sich einem ein herrlicher Fernblick auf den Bozener Talkessel und die Dolomiten. Auf leichten Wanderwegen verschiedener Länge genießt man das, womit sich Kohlern und seine Wiesen und Wälder rühmen dürfen: Sommerfrische. Und hier kann man die Seele baumeln lassen: zum Beispiel auf den Schneiderwiesen und ihrem gleichnamigen, traditionsreichen Gasthaus mit seiner einladenden Sonnenterrasse, das uns nach einer knapp zweistündigen gemütlichen Wanderung familiäres Ambiente, freundlichen Service und hervorragende, bodenständige Küche bietet. Auf der Rückfahrt ins Tal lauschen wir dem lieb …

Escursioni Maretta Torre Vado

Escursioni Maretta

Seit fast einer Woche sind wir nun schon im Salento, ganz im Süden des italienischen Stiefelabsatzes und endlich kommt der ersehnte Anruf von Davide de Giorgi. Er ist stolzer Besitzer eines geschichtsträchtigen Bootes, das früher als schwimmendes Hotel diente und das als erstes seiner Art die Besucher von Torre Vado aufs Meer brachte. Und auch uns möchte er sein Fleckchen Heimat vom Meer aus zeigen. In den letzten Tagen war es für Juli ungewöhnlich windig und eine Ausfahrt kaum möglich. Doch heute wollen wir es unbedingt probieren, denn schon bald müssen wir wieder abreisen. Am touristischen Hafen von Torre Vado steht in erster Reihe ein kleines gelbes Häuschen mit dem dezenten Schriftzug Escursioni Maretta. Dort werden wir von Davide herzlich in Empfang genommen. Wir müssen sehen wie weit wir heute kommen, denn noch immer weht ein kräftiger Wind. “Keine Sorge, wir haben “onda corta” (kurze Wellendünung), da wird euch nicht schlecht”, beruhigt uns unser Kapitän. Dabei denke ich an die römische Gräfin, die auf eben diesem Boot vor mehr als drei Jahrzehnten sicher die griechische Insel Ithaka erreichte. Davide kennt das Meer und die Küste rund …

Der Poet von Polignano

Durch die Gassen von Polignano a Mare zu streifen, ist ein wenig wie ein Poesiealbum zu durchblättern. Über das ganze süditalienische Städtchen hinweg verteilt ziert dieselbe Handschrift Mauern, Treppen, Türen und vieles mehr. Auch bewegliche Gegenstände werden nicht verschont. Hinter diesen Zitaten, Versen und Lebensweisheiten verbirgt sich Guido il Flâneur, wie er sich selbst nennt. Die literarische Figur des Flâneur streift durch die Straßen und Gassen der Städte, beobachtet und reflektiert. So auch Guido Lupori, Jahrgang 1946 und vor vielen Jahren aus dem nahe gelegenen Bari nach Polignano a Mare gekommen. Hier hat sein Zwilling das Meer seine Freiheit vergrößert, wie an einer der Mauern zu lesen ist. Bis 2046 möchte er mindestens gerne bleiben, das erschließen wir uns aus seinen Schriften. Mit seiner Poesie will Guido il Flâneur auf die Schönheit, die die Literatur für uns bereithält aufmerksam machen. Vor allem bedient er sich der Poesie großer Autoren, lässt aber auch gerne eigene Gedanken in seine Werke miteinfließen. Beschränkt man sich auf dieses nette kleine Detail, wird man Polignano a Mare jedoch nicht gerecht, …

Die Nudel-Frauen von Bari Vecchia

Unter dem Arco Basso in Bari Vecchia, der gepflegten und verwinkelten Altstadt von Apuliens Hauptstadt Bari, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Vor ihren Wohnungen sitzen Damen an recht provisorisch aufgebaut scheinenden Tischen und zaubern tagein tagaus die für Bari und Apulien so berühmten Orecchiette. Der Teig besteht aus Wasser und Hartweizengrieß. “Kein Salz, das wird erst beim Kochen hinzugegeben”, erklärt mir eine der liebenswerten und aufgeschlossenen Damen. Aus dem frisch zubereiteten Teig formt sie zunächst schmale Rollen, trennt davon etwa zwei Zentimeter große Stücke ab und zieht sie mit ihren geschickten Händen und einem geriffelten Messer über die Oberfläche ihres Holztisches. Auf diese Weise entstehen diese Öhrchen (Orecchiette), die ihren Namen natürlich ihrer Form zu verdanken haben. Im Dialekt werden sie jedoch Strascinati genannt, vom Verb strascinare, das eben diese Bewegung des Ziehens über den Holztisch wohl am genausten beschreibt. Die freundlichen Nudel-Frauen bieten ihre Orecchiette in vielen verschiedenen Größen an. Auch die Vollkorn-Variante ist zu finden. Auf in Holzrahmen gefassten Gittern trocknen die Nudeln mit Hilfe der Sonne innerhalb von kurzer Zeit und wollen käuflich erworben werden. Mir wird versichert, dass es keine Touristenpreise gibt. Traditionell …

Porto Rafael – Träumen ist Leben

Rafael Neville hatte einen Traum: ein kleiner Strand, wenige Häuser inmitten der Vegetation, das blaue Meer und in der Ferne ein paar Inseln. So will es die Legende um den spanischen Grafen und sein Porto Rafael, eine wahre Perle im Norden Sardiniens, gegenüber des zum Weltnaturerbe erklärten Inselarchipels La Maddalena gelegen. Das symbolische Rathaus von Porto Rafael ziert eine Tafel mit der Inschrift “Sognare è vivere” – “Träumen ist Leben”: Unter diesem Motto erschufen nach intensiver Suche nach dem geeigneten Ort der spanische Graf Rafael Neville und ein befreundeter Anwalt Anfang der 60er Jahre dieses romantische Refugium. Die Nähe zum damaligen Hot Spot Porto Cervo und seiner Gesellschaft rund um den Fürsten Aga Khan zog schnell auch die Hautevolee an. Laue Sommernächte, Feste ganz in Weiß, exzellenter Wein und endlose Gespräche über Gott und die Welt mit Menschen aus aller Herren Länder. Ist das nicht genau der Ort, an den wir uns an nicht enden wollenden Büro- oder dunklen Wintertagen träumen? Das Bild zeichnen das Blau des Meeres und des Himmels, das Weiß der Häuser, das Grün der Macchia und …

L’aperitivo – Italiens schönste Zeit des Tages

Über nichts wird in Italien lieber gesprochen als über das Essen. Und das zu Recht: sind die Mahlzeiten für den Italiener doch die zentralen Rituale, die den Alltag durchbrechen und Zeit für Familie und Freunde schaffen. Das zweite Frühstück in der Bar, das stundenlange sonntägliche Mittagessen bei der Oma und das ausgedehnte Abendessen, bei dem man mit der Familie zusammen den Tag Revue passieren lässt. Und zwischendrin auf jeden Fall eine merenda, die Brotzeit, die meistens süß ausfällt. Ja und dann wäre da noch der Aperitivo, diese wunderbare Erfindung, die die unerträgliche Zeit zwischen Feierabend und Abendessen erträglich macht oder es aufgrund seiner Reichhaltigkeit gleich vollständig ersetzt. Das Wort stammt vom Lateinischen aperire (= öffnen) und erklärt damit schon die Funktion des Aperitifs, nämlich den Magen zu öffnen und auf das Abendessen hinzuführen. Die Art des Aperitifs fällt in den einzelnen Regionen Italiens sehr unterschiedlich aus. Allen gemein ist das Prinzip: Ab dem frühen Abend findet man sich zum geselligen Beisammensein in oder vor den Bars und Kneipen ein. Ob zum recht klassischen Aperitif mit einem Bier oder Cocktail und ein paar Nüssen …

Pietrasanta – Schatzkiste der Versilia

An den Fuß der Apuanischen Alpen, etwa 30 km nördlich von Pisa, schmiegt sich ein kleines feines Städtchen namens Pietrasanta. Und es gleicht einer Schatzkiste. Es darf sich mit einer jahrhundertealten Tradition der Bildhauerei und deren großer Namen schmücken: Michelangelo Buonarroti, der polnische Bildhauer Igor Mitoraj, der lateinamerikanische Künstler Fernando Botero – alle sind sie untrennbar mit dieser Stadt verbunden. In Pietrasanta kommt vor allem der Steinbearbeitung große Bedeutung zu, wird in den unmittelbar umliegenden Steinbrüchen von Carrara doch der berühmte Santuario, der weltweit wohl beste Bildhauermarmor gebrochen. Auch der Bronzeguss erfreut sich bei den angesiedelten namhaften Künstlern großer Beliebtheit. Hat man die umliegenden quirligen Städte wie Lucca, Pisa und Florenz erst einmal hinter sich gelassen, braucht man gewiss nicht lange, um in das besondere Flair dieses zauberhaften Städtchens der Versilia einzutauchen. Ob man sich nun in einer der zahlreichen Galerien der schönen Künste widmet, das Leben auf der Piazza Duomo von einem der einladenden Restaurants aus beobachtet, durch die kleinen Gassen mit ihren stilvollen Boutiquen schlendert oder an der nahe gelegenen gleichnamigen Marina Meeresluft …

Tonda Gentile – Die freundliche Runde

Die freundliche Runde wird sie im Italienischen liebevoll genannt und unweigerlich hat man das Bild der fürsorglichen italienischen Mamma vor sich. Aber weit gefehlt! Bei der Tonda Gentile handelt es sich um eine Nuss. Natürlich nicht um irgendeine. Nein, sie gilt als die beste Haselnuss der Welt. Die unvergleichbar aromatische Nuss stammt aus einer besonders fruchtbaren Region Italiens, dem Piemont. Die Ernte erfolgt gegen Ende August, wenn die Früchte vollständig reif sind und sich vom Tragblatt lösen. Zu diesem Zeitpunkt haben sie ein besonders hohes Gewicht und einen geringen Feuchtigkeitsanteil. Dank ihrer runden Form und der dünnen Haut ist die Tonda Gentile leicht zu schälen. Ihr vergleichsweise niedriger Fettgehalt ermöglicht längere Haltbarkeit. Der mild aromatische Geschmack und das himmlische Aroma nach der Röstung machen sie so einzigartig und damit auch zu einem der beliebtesten Rohstoffe der Süßwarenindustrie. 1946 hatte ein gewisser Pietro Ferrero die Idee, die Nocciola Piemonte zusammen mit Zucker und Kakao zu einem süßen Laib, dem sogenannten Giandujot, zu verarbeiten und schuf damit den Vorläufer einer der beliebtesten Leckereien überhaupt, dem Nutella. Am liebsten wird die freundliche Runde jedoch von uns, von Hand und mit viel Liebe verarbeitet…. [wc_divider …

Il Civaiolo – Ein altes florentinisches Metier

Die meisten Italiener werden Sie fragend ansehen wenn Sie den Begriff Civaiolo erwähnen, denn er ist eng mit der Stadt Florenz und seiner Tradition verbunden. Es handelt sich um ein altes Metier und würde in der wörtlichen Übersetzung in Hülsenfrüchteverkäufer münden. Le civaie sind Hülsenfrüchte und essentieller Bestandteil der toskanischen Küche. Doch sie sind bei Weitem nicht alles, was der Civaiolo von gestern und heute zu bieten hat: Gewürze, Kräuter und kandierte Früchte zieren das farbenfrohe Warenangebot genauso wie Haushaltswaren, Gartenartikel, Schlüssel, Tiernahrung und Regenschutz. Es gibt nichts was es nicht gibt. Aber vor allem bekommt man dort genau das, was man in der viel beklagten Wegwerfgesellschaft so sehr vermisst. Beim Betreten eines Civaiolo stolpert man förmlich über die Säcke voller offener Hülsenfrüchte, die sich auf diese Weise am besten und längsten halten. Jeder Einkauf wird von einem netten kleinen Plausch begleitet und  höchstwahrscheinlich hat man vor Verlassen des Ladens auch noch Rezepte und Küchengeheimnisse ans Herz gelegt bekommen, die in keinem Kochbuch zu finden sind. Denn fernab von Plastikverpackungen und Fertigprodukten hat man hier noch die Gelegenheit, genau die richtige Bohne, die passende Reissorte …