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1958: das letzte Weinloch von Florenz

Erinnerungen des Marchese Gondi

An der krummen Fassade des großen gelben Gebäudes zwischen der Via Torta, der Via dell’Anguillara und der Via delle Burella, charakterisiert durch zwei mächtige Löwenköpfe an den Seiten seines Portals, finden wir ein historisches Weinfenster, das zumindest von außen sehr gut erhalten ist. Dieses mit Stein umrahmte und erwartungsgemäß unter einem der Fenster nahe des Haupteingangs befindliche Türchen war – zumindest nach jetzigem Stand – das letzte „aktive“ Weinloch von Florenz.

Ein angenehmer Plausch mit Marchese Gondi, der in diesem Palazzo in der Via Torta geboren wurde und dort bis zu seiner Jugend wohnte, lieferte uns Antworten auf ein paar Fragen, die wir uns schon lange stellten: WANN wurden die Weinlöcher geschlossen? Und vor allem: WESHALB wurden sie aufgegeben?

Die Kindheitserinnerungen des Marchese Gondi beruhen vor allem auf den Karren, die von Ochsen und manchmal auch von Pferden gezogen und mit Fässern beladen von Woche zu Woche bis mindestens 1958 vom Umland in die Stadt einzogen.

Der Wein, der für den Einzelverkauf durch die Fensterchen bestimmt war wurde nicht in Glasballons transportiert, sondern in speziellen, für den Transport geeigneten Fässern mit 50 Litern. Denn die Karren hatten damals noch Holzräder und die Straßen waren nicht asphaltiert. Die Gefahr, dass die Glasbehälter kaputt gingen war einfach zu groß.
Übrigens: Es war ein großartiges Erlebnis, den Radmachern bei ihrer Arbeit zuzusehen, wie sie die Eichendauben zur Mineralisierung über lange Zeit in Wasser einlegten und sie somit härteten.

Die Marchesi Gondi ließen sich damals aber auch schon in Strohflaschen (fiaschi) abgefüllten Wein in die Stadt bringen. Dieser war den Weinhändlern und Gastwirten lieber. Die zerbrechlichen Behältnisse wurden mit einer speziellen Technik mit Stroh aneinander befestigt und zu einer Pyramide aufgetürmt. Diese spektakuläre Art von Transport wurde „verrückter Wagen“ („carro matto“) genannt.

Aber zurück zu unserem Weinfenster. Was steckte dahinter?

Im achtzehnten Jahrhundert erwarb die Familie Gondi den Palazzo, der zuvor und nacheinander Eigentum der Familien Butini und Ugolini war. Heute gehört das Gebäude zur nationalen italienischen Sozialversicherungsanstalt INPS.
Das Fensterchen reichte in eines der beiden Pförtner-Zimmer, wo der Pförtner namens Beppino in einem der beiden seine Loge hatte. Im anderen wurden die Fässer und Strohflaschen gelagert.

Bernardo Gondi erinnert sich: Die Käufer schlugen mit dem Klopfer gegen das Holztürchen, Beppino öffnete es, nahm die leere Flasche des Kunden entgegen, füllte sie und ließ sich das Geld geben. Erst dann gab er die volle Flasche zurück!

Durch dieses Türchen wurde nichts anderes als Wein gereicht, höchstens vielleicht einmal die ein oder andere Flasche besten Öles: Von den Landgütern des Val di Sieve kam nämlich auch dieses wertvolle Produkt, in kleinen 30-Liter-Fässern, die sich von den Weinfässern durch ihre fest gezogenen Dauben unterschieden.

Postsendungen und Pakete mussten nicht durch das Fensterchen gereicht werden, denn das Portal des Palazzo Gondi stand immer offen. Lieferungen nahm Beppino durch Öffnen eines großen Tores, das den freien Zutritt in das Gebäude verhinderte, entgegen.

Im Laufe der Zeit wurde das Weinloch in der Via Torta immer weniger genutzt. Die Gründe? Gleich um die Ecke begann ein Civaiolo in seinem Laden bereits abgefüllten Wein in Flaschen zu verkaufen; für die Kunden war das viel praktischer und auch der Transport wurde zusehends einfacher, da die Fahrzeuge inzwischen über Gummireifen verfügten. Außerdem kauften die Konsumenten mittlerweile lieber weniger hochwertigen und dafür billigeren Wein, da mit dem Ende der Teilpacht in Italien die Produktionskosten für die toskanischen Weinproduzenten erheblich gestiegen waren; und schließlich das verheerende Hochwasser von 1966, wodurch Erdgeschossräume für lange Zeit nicht mehr genutzt werden konnten.

Es war also kein Gesetz, das zur Schließung des Weinfensters in der Via Torta führte, sondern der Lauf der Zeit und die damit verbundenen veränderten Gewohnheiten!

Autorin des Originalartikels: Diletta Corsini
Bildrechte (wenn nicht anders angegeben): Associazione Buchette del Vino
Übersetzung aus dem Italienischen: Vanessa Wanhoff