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Handel auf Abstand – gestern und heute

Vor Kurzem entdeckte die Associazione Buchette del Vino in einem Buch von 1634 den ältesten Beleg über den Weinverkauf durch unsere geliebten Fenster: unter besonderen Umständen, hervorgerufen durch eine Epidemie.Aber natürlich! Die Weinlöcher bieten sich bestens an, wenn es um Handel „ohne Ansteckungsgefahr“ geht – heute wie gestern! Das Weinloch in der Via dell’Isola delle Stinche wurde schon zu Beginn der Pandemie durch die angrenzende Eisdiele Vivoli wiederbelebt: zwar nicht mit dem Verkauf von Wein, aber von Cappuccino und Eis in To-go-Behältern. Dieses Fenster sowie das der Osteria delle Brache ganz in der Nähe an der Piazza Peruzzi und das von Babae in der Via Santo Spirito katapultieren uns zurück in die Vergangenheit. Wir können nun selbst testen, was eine ganz ursprüngliche Funktion der Weinlöcher darstellte: den Handel auf Distanz. Zwingend notwendig übrigens zu Zeiten der Pest! In seinem Bericht zur Ansteckung in Florenz in den Jahren 1630 und 1633 erzählt der Florentiner Gelehrte Francesco Rondinelli, dass während der schrecklichen Epidemie, die ganz Europa in zwei Wellen heimsuchte, der Wein aus den Palazzi heraus verkauft …

1958: das letzte Weinloch von Florenz

Erinnerungen des Marchese Gondi An der krummen Fassade des großen gelben Gebäudes zwischen der Via Torta, der Via dell’Anguillara und der Via delle Burella, charakterisiert durch zwei mächtige Löwenköpfe an den Seiten seines Portals, finden wir ein historisches Weinfenster, das zumindest von außen sehr gut erhalten ist. Dieses mit Stein umrahmte und erwartungsgemäß unter einem der Fenster nahe des Haupteingangs befindliche Türchen war – zumindest nach jetzigem Stand – das letzte „aktive“ Weinloch von Florenz. Ein angenehmer Plausch mit Marchese Gondi, der in diesem Palazzo in der Via Torta geboren wurde und dort bis zu seiner Jugend wohnte, lieferte uns Antworten auf ein paar Fragen, die wir uns schon lange stellten: WANN wurden die Weinlöcher geschlossen? Und vor allem: WESHALB wurden sie aufgegeben? Die Kindheitserinnerungen des Marchese Gondi beruhen vor allem auf den Karren, die von Ochsen und manchmal auch von Pferden gezogen und mit Fässern beladen von Woche zu Woche bis mindestens 1958 vom Umland in die Stadt einzogen. Der Wein, der für den Einzelverkauf durch die Fensterchen bestimmt war wurde nicht in Glasballons …

Nicht hinter jedem Türchen steckt ein Weinloch

Auf einen ersten, flüchtigen Blick sehen sie tatsächlich aus wie Weinlöcher: Sie sind bogenförmig, verfügen über ein Türchen oder die Reste eines solchen, wie etwa Scharniere. Sie befinden sich auf Körperhöhe an den Fassaden mehr oder weniger herrschaftlicher Gebäude oder unter Gewölbebögen, die in eine Gasse oder Straße führen. Meist sind sie jedoch kleiner als die uns bereits bekannten Öffnungen. Sehen wir uns zwei davon etwas näher an: Auf dem ersten Bild sieht man ein Türchen, das sich nach außen öffnen lässt. Zu unseren “normalen” Weinlöchern passt das irgendwie nicht, denn diese wurden von den Bediensteten der Weinkeller betätigt – und zwar von innen! Auf dem zweiten Bild stellt man eine weitere Abweichung fest: Der Hohlraum (ohne ein inneres Holztürchen) endet in seiner Tiefe mit einer Mauer. Die stillgelegten Weinlöcher hingegen wurden bündig mit der Fassade bzw. ihren Umrandungen aus Stein zugemauert. Außerdem befindet sich in diesem Hohlraum ein Haken – ein kleiner Seilzug oder die Überbleibsel einer Vorrichtung aus Metall. Nähern wir uns dem Hohlraum und sehen nach oben, können wir mit etwas Glück …

Le buchette del vino – Die Weinlöcher von Florenz

Keine Frage, Italien fasziniert und fesselt uns: Es strotzt nur so vor kulturellem und kulinarischem Reichtum, und das unverbrüchliche Stil- und Modebewusstsein der Italiener scheint in deren DNA verankert zu sein. Ja, Italien kann einen in seiner Pracht und Größe erschlagen, das erklärte uns bereits Stendhal. Doch wie wäre es, sich einfach einmal unbeeindruckt zu zeigen, die großen Sehenswürdigkeiten mit ihren endlosen Warteschlangen links liegen zu lassen und einfach nur zu schlendern? Sich treiben zu lassen und dabei die ein oder andere Besonderheit zu entdecken, die womöglich noch nicht jeder kennt und die sich andernorts vielleicht überhaupt nicht findet? In einer von den Historikern bis ins kleinste Detail dokumentierten Stadt wie Florenz erscheint das schier unmöglich… Doch ich durfte mich eines Besseren belehren lassen: Genau wie ich hatte sie so manch alteingesessener Florentiner noch nie zuvor bemerkt. Einmal entdeckt jedoch ziehen sie sich wie ein roter Faden durch das Zentrum der Wiege der Renaissance. Schnell vergisst man Michelangelo, Brunelleschi und den gesamten Clan der Medici, denn diese geheimnisvollen Öffnungen haben ihren ganz eigenen Charme: Bei …