Alle Artikel in: Liebling

Pantelleria – Die Tochter des Windes

„Das ist eine unschuldige Insel. Du verstehst das, wenn du den Passito trinkst oder die Kapern probierst. Die Süße und das Salz einer kostbaren Erde unter der Sonne und die letzten Götter, die es hier immer noch gibt, auch wenn niemand weiß, wo sie sind.” Franco Arminio Das Abenteuer Pantelleria beginnt für mich zu Hause in Deutschland mit einem Anruf bei Nonna Costanza, die uns für unseren Aufenthalt ein Bleibe zur Verfügung stellen wird. Einfach, aber mit allem was man so braucht, so die Freundin eines Freundes, die diesen Kontakt hergestellt und mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, dieses 81 km2 kleine Eiland zu besuchen. Ich wähle also die Festnetznummer einer mir unbekannten älteren Dame, sehe vor mir ein kleines Fleckchen Erde im großen blauen Meer und bin gespannt was passiert. Natürlich sei sie im Bilde über unseren Besuch, kenne unsere Flugzeiten und sogar der Fiat Panda sei schon reserviert. Bestimmt erkenne uns ihre Tochter auch gleich, wenn sie uns am Flughafen abholt. Ja, das Klischee der Tedesca erfülle ich. Wir plaudern noch eine ganze Weile …

Der Poet von Polignano

Durch die Gassen von Polignano a Mare zu streifen, ist ein wenig wie ein Poesiealbum zu durchblättern. Über das ganze süditalienische Städtchen hinweg verteilt ziert dieselbe Handschrift Mauern, Treppen, Türen und vieles mehr. Auch bewegliche Gegenstände werden nicht verschont. Hinter diesen Zitaten, Versen und Lebensweisheiten verbirgt sich Guido il Flâneur, wie er sich selbst nennt. Die literarische Figur des Flâneur streift durch die Straßen und Gassen der Städte, beobachtet und reflektiert. So auch Guido Lupori, Jahrgang 1946 und vor vielen Jahren aus dem nahe gelegenen Bari nach Polignano a Mare gekommen. Hier hat sein Zwilling das Meer seine Freiheit vergrößert, wie an einer der Mauern zu lesen ist. Bis 2046 möchte er mindestens gerne bleiben, das erschließen wir uns aus seinen Schriften. Mit seiner Poesie will Guido il Flâneur auf die Schönheit, die die Literatur für uns bereithält aufmerksam machen. Vor allem bedient er sich der Poesie großer Autoren, lässt aber auch gerne eigene Gedanken in seine Werke miteinfließen. Beschränkt man sich auf dieses nette kleine Detail, wird man Polignano a Mare jedoch nicht gerecht, …

Die Nudel-Frauen von Bari Vecchia

Unter dem Arco Basso in Bari Vecchia, der gepflegten und verwinkelten Altstadt von Apuliens Hauptstadt Bari, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Vor ihren Wohnungen sitzen Damen an recht provisorisch aufgebaut scheinenden Tischen und zaubern tagein tagaus die für Bari und Apulien so berühmten Orecchiette. Der Teig besteht aus Wasser und Hartweizengrieß. “Kein Salz, das wird erst beim Kochen hinzugegeben”, erklärt mir eine der liebenswerten und aufgeschlossenen Damen. Aus dem frisch zubereiteten Teig formt sie zunächst schmale Rollen, trennt davon etwa zwei Zentimeter große Stücke ab und zieht sie mit ihren geschickten Händen und einem geriffelten Messer über die Oberfläche ihres Holztisches. Auf diese Weise entstehen diese Öhrchen (Orecchiette), die ihren Namen natürlich ihrer Form zu verdanken haben. Im Dialekt werden sie jedoch Strascinati genannt, vom Verb strascinare, das eben diese Bewegung des Ziehens über den Holztisch wohl am genausten beschreibt. Die freundlichen Nudel-Frauen bieten ihre Orecchiette in vielen verschiedenen Größen an. Auch die Vollkorn-Variante ist zu finden. Auf in Holzrahmen gefassten Gittern trocknen die Nudeln mit Hilfe der Sonne innerhalb von kurzer Zeit und wollen käuflich erworben werden. Mir wird versichert, dass es keine Touristenpreise gibt. Traditionell …

Porto Rafael – Träumen ist Leben

Rafael Neville hatte einen Traum: ein kleiner Strand, wenige Häuser inmitten der Vegetation, das blaue Meer und in der Ferne ein paar Inseln. So will es die Legende um den spanischen Grafen und sein Porto Rafael, eine wahre Perle im Norden Sardiniens, gegenüber des zum Weltnaturerbe erklärten Inselarchipels La Maddalena gelegen. Das symbolische Rathaus von Porto Rafael ziert eine Tafel mit der Inschrift “Sognare è vivere” – “Träumen ist Leben”: Unter diesem Motto erschufen nach intensiver Suche nach dem geeigneten Ort der spanische Graf Rafael Neville und ein befreundeter Anwalt Anfang der 60er Jahre dieses romantische Refugium. Die Nähe zum damaligen Hot Spot Porto Cervo und seiner Gesellschaft rund um den Fürsten Aga Khan zog schnell auch die Hautevolee an. Laue Sommernächte, Feste ganz in Weiß, exzellenter Wein und endlose Gespräche über Gott und die Welt mit Menschen aus aller Herren Länder. Ist das nicht genau der Ort, an den wir uns an nicht enden wollenden Büro- oder dunklen Wintertagen träumen? Das Bild zeichnen das Blau des Meeres und des Himmels, das Weiß der Häuser, das Grün der Macchia und …

Aperitivo – Die schönste Zeit des Tages

Über nichts wird in Italien lieber gesprochen als über das Essen. Und das zu Recht: sind die Mahlzeiten für den Italiener doch die zentralen Rituale, die den Alltag durchbrechen und Zeit für Familie und Freunde schaffen. Das zweite Frühstück in der Bar, das stundenlange sonntägliche Mittagessen bei der Oma und das ausgedehnte Abendessen, bei dem man mit der Familie zusammen den Tag Revue passieren lässt. Und zwischendrin auf jeden Fall eine merenda, die Brotzeit, die meistens süß ausfällt. Ja und dann wäre da noch der Aperitivo, diese wunderbare Erfindung, die die unerträgliche Zeit zwischen Feierabend und Abendessen erträglich macht oder es aufgrund seiner Reichhaltigkeit gleich vollständig ersetzt. Das Wort stammt vom Lateinischen aperire (= öffnen) und erklärt damit schon die Funktion des Aperitifs, nämlich den Magen zu öffnen und auf das Abendessen hinzuführen. Die Art des Aperitifs fällt in den einzelnen Regionen Italiens sehr unterschiedlich aus. Allen gemein ist das Prinzip: Ab dem frühen Abend findet man sich zum geselligen Beisammensein in oder vor den Bars und Kneipen ein. Ob zum recht klassischen Aperitif mit einem Bier oder Cocktail und ein paar Nüssen …

Petaloso – Ein Wort geht durch Italien

Die Grundschullehrerin Margherita Aurora aus dem kleinen Ort Copparo in der Provinz Ferrara staunte nicht schlecht als Ihr Schüler Matteo in einer Arbeit ein Wort verwendete, das es in der italienischen Sprache gar nicht gibt. Matteo beschrieb eine Blume als “petaloso” (reich an Blütenblättern). In den italienischen Wörterbüchern ist dieses Wort nicht zu finden. Grammatikalisch macht es aber durchaus Sinn, denn es setzt sich aus “petalo” (Blütenblatt) und der Endung “-oso” (hier: reich an) zusammen. Eine Vielzahl an Adjektiven wird genau auf diese Weise gebildet. “Hat der 8-jährige Matteo womöglich ein neues Wort ins Leben gerufen?”, fragte sich Lehrerin Margherita und schrieb zusammen mit ihrem Schüler einen Brief an die Accademia della Crusca, die altehrwürdige Institution aus Florenz, die sich dem Studium und Bewahren der italienischen Sprache verschrieben hat. Zu ihrer Überraschung bekamen sie eine ermutigende Antwort. Das Wort sei korrekt gebildet, schön und klar, und könne im Italienischen durchaus verwendet werden. Um offiziell Teil der italienischen Sprache zu werden müsse es jedoch von vielen Menschen gebraucht und verstanden werden, so der Sprachwissenschaftler der Accademia della Crusca. Margherita war überrascht und gerührt von der positiven Antwort und postete Fotos des besagten Briefes und …